Brügge – Das Leben ist ein Glockenspiel

von Jacob

Seitdem Sabine vor ein paar Jahren den Film ‚Brügge sehen und sterben‘ gesehen hatte, wollte sie nach Brügge…ohne zu sterben. Entsprechend aufgeregt sind wir beim Betreten der Stadt.

Wir wohnen in der Altstadt. Das Hotel Navarra, sehr elegant und luxuriös, mit pompösem Foyer, viel blattgoldverziertem Stuck liegt direkt neben der Kirche Sint Jakob. Herrlich hier ein Zimmer zu haben. Glauben wir jedenfalls. Wir wissen es nicht, denn unsere Unterkunft ist gegenüber. ‚Boterhuis‘ heißt sie. Ein schnuckeliges Haus mit steilen Stiegen. Sehr steilen Stiegen sogar. Zu unserem Zimmer führt nur eine schlecht beleuchtete, knorrige, schmale Holzstiege hinauf. Sie ist so steil, sie würde fast als Wand durchgehen. Hier müssen wir also mit unserem Gepäck hinauf.

Leider werden keine Sherpas für den Aufstieg in den ersten Stock zur Verfügung gestellt.
Wir borgen uns Steigeisen und Eispickel aus, sichern uns drei mal mit Seil und Karabinern und wagen uns mit Koffern und Taschen am Rücken hinauf. Vorsichtig und bedächtig wird jeder Schritt gewählt. Einmal abrutschen und den Griff verlieren und wir würden mitsamt unserer mitgebrachten Ladung schmutziger Wäsche, Kontaktlinsenflüssigkeit, selbstgemachtem Holundersirup und ungefähr 100 Spielzeugautos in den Abgrund hinabstürzen.

Knapp nach der zweiten Drehung  der Stiege haben wir bereits zwei Drittel der Treppe hinter uns gelassen. Unsere Körper sind müde und wollen aufgeben. Jetzt heißt es durchhalten! Der Aufstieg wird zur Kopfsache. Die Handflächen sind verschwitzt, der Handlauf wird rutschig. „Ich kann das Ende schon sehen!“, höre ich Sabine vor mir rufen. Hoffnung! „Ich muss dringend Lulu!“, raunzt Momo. Verdammt. „Super Momo!“, ächze ich. Die Anstrengung verwirrt mich. Nur noch wenige Stufen. Zähne zusammenbeißen.

Vollig erschöpft und durchaus stolz auf uns selbst kommen wir am Ende der Route  „Stiegen rauf, links, geradeaus, rechts nochmal Stiegen und dann wieder geradeaus“ an. Knapp dem Tod entgangen…Ist Brügge doch so gefährlich wie der Filmtitel es uns weis macht? Wir fallen ins Bett und schlafen direkt ein. Um 7.00 Uhr morgens singt uns ein Presslufthammer sein Lied und die Klospülung des Nebenzimmers stimmt mit ein.
Good morning Brügge!

Frisch gestriegelt spazieren wir durch die Altstadt. Sabine ist hin und weg. Brügge ist tatsächlich so schön wie sie es sich vorgestellt hatte. Lauter mittelalterliche Backsteinhäuser eng aneinander gereiht, dazwischen Kanäle (Reien) und kleine Gärten. Wir entdecken hinter jeder Ecke eine neue „schau mal wie hübsch das ist“-Straße mit „ma, die sind doch entzückend“-Häusern. Gott sei Dank gibt es die Digitalfotografie, wir hätten sonst bereits unser gesamtes Weltreisebudget für analoge Filme ausgegeben. Es gibt so viele Häuser, Plätze und Fassadendetails die man festhalten möchte.

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Eine kurze Quizfrage zwischendurch:
Was haben Brügge und die EAV gemeinsam? Richtig – sie machen Ding Dong.

Anscheinend ist man in Brügge ganz besonders stolz auf seine Kirchturmglocken und vor Allem auf das Glockenspiel im Turm am Marktplatz (Belfried). Es ertönt fast alle halben Stunden für 1-2 Minuten, um 14:15 nochmal extra, dazwischen läuten auch andere Glocken verschiedener Kirchen.

Aber wieso? Schlägt hier so vielen Leuten die letzte Stunde? Wieder ein Indiz dafür, dass man in Brügge stirbt? Wir diskutieren das bei Salat für uns und Fischstäbchen für den Buben (zusammen mit Getränken 80,-€ !!!). Wir einigen uns, dass die Glocken wohl so verrückt läuten weil gerade Fronleichnam ist. Den Gedanken an den lauernden Tod in dieser Stadt begraben wir nun endgültig . Immerhin etwas das hier tatsächlich gestorben ist.
Wir haben es jedenfalls geschafft Brügge drei wunderschöne Tage lang anzusehen und erfreuen uns nach wie vor bester Gesundheit. Wieder eine Hollywood Lüge entlarvt.

Nächster Stop: Amsterdam!

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